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Mersch Online AGPublicationsBooks by Peter MerschVorwort Systemische Evolutionstheorie
Sunday, 25. June 2017

Systemische Evolutionstheorie.

 
Eine systemtheoretische Verallgemeinerung der Darwinschen Evolutionstheorie
Bei der Systemischen Evolutionstheorie (Systemic Theory of Evolution) handelt es sich um eine Verallgemeinerung der Darwinschen Evolutionstheorie, die auf der allgemeinen Systemtheorie, der Kommunikationstheorie, der Soziobiologie, der Ökonomie und der modernen Demografie basiert und mit der Ontologie des systemischen Materialismus vereinbar ist. Sie stellt den Versuch dar, alle eigendynamischen Evolutionen - inklusive der biologischen und soziokulturellen Evolution - mit den gleichen einheitlichen Evolutionsprinzipien zu beschreiben.

Die Theorie ist interdisziplinär angelegt und weder der Biologie noch den Gesellschaftswissenschaften zurechenbar. Ihr Grundgedanke ist in etwa: Der lebende Teil der Welt besteht aus lauter Evolutionsakteuren, die alle mehr oder weniger stark und mit oftmals differierenden Zeitpräferenzen bestrebt sind, ihre Kompetenzen gegenüber ihrem Lebensraum zu bewahren, und zwar während ihres eigenen Lebens und gegebenenfalls über ihr Leben hinaus. Dazu benötigen sie fortwährend Ressourcen aus ihrer Umgebung, die mittels unterschiedlicher Wettbewerbskommunikationen unter den Evolutionsakteuren verteilt werden. Aufgrund des Wettbewerbs um die Ressourcen werden die Akteure zu Feinden, Konkurrenten oder Partnern. Eventuell weiten sie ihre aktuelle Nische aus, verändern sie oder besetzen neue Nischen. Ist die Kooperation einiger Akteure besonders intensiv, kann sich eine neue Systemebene an Evolutionsakteuren - per Selbstorganisation - bilden, für die nun wieder das Gleiche gilt. Der unterschiedliche Erfolg der Evolutionsakteure bei der Reproduktion ihrer Kompetenzen bewirkt schließlich Evolution.

Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Klaus Rohde.

North Charleston, SC: CreateSpace, 2012, ISBN 978-1478127956, 252 Seiten, 14,95 EUR

Bei Amazon als CreateSpace-Buch bestellen

Norderstedt, Books on Demand, 2012, ISBN: 978-3-8482-2738-9, 252 Seiten, 19,90 EUR

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Vorwort des Autors (ohne Fußnoten)


Bei der Systemischen Evolutionstheorie (Systemic Theory of Evolution) handelt es sich – grob gesprochen – um eine systemtheoretische Verallgemeinerung der biologischen Evolutionstheorie, deren Ziel es ist, alle auf dem Leben beruhenden eigendynamischen Evolutionen – inklusive der biologischen und soziokulturellen Evolution – mittels einheitlicher Evolutionsprinzipien zu beschreiben. Im vorliegenden Buch soll ihr Ansatz und ihr Weltbild möglichst präzise, umfassend und detailliert dargelegt und begründet werden. Insoweit erhebt der Text einen wissenschaftlichen Anspruch.

Bestrebungen, die Darwinsche Evolutionstheorie für eine Anwendbarkeit außerhalb der Biologie zu verallgemeinern, gab es in der Vergangenheit bereits reichlich. Einige Popularität erzielte Richard Dawkins' Ansatz, ein technisches Feature der biologischen Evolution – den Replikator – zur Grundlage jeglicher Evolution zu deklarieren: für die biologische Evolution das Gen, für die kulturelle Evolution das Mem. Die Systemische Evolutionstheorie könnte man demgegenüber eher als informations- beziehungsweise wissensbasiert bezeichnen. Damit trägt sie der Vorstellung Rechnung, mit dem Leben sei auf der Erde eine Form der natürlichen Informationsverarbeitung entstanden, die per Evolution gewissermaßen "Geist" aus Materie entstehen lasse. Entsprechend ist sie in einigen Aspekten allgemeiner und abstrakter gehalten als die meisten alternativen Evolutionsmodelle.

Sie unterscheidet sich aber auch in einem weiteren wesentlichen Punkt von vielen anderen universellen Evolutionsansätzen: Statt die Prinzipien der Darwinschen Selektionstheorie als von vornherein gegeben und unveränderlich anzunehmen und sich deshalb primär auf die jeweils unterschiedlichen "Einheiten der Evolution" zu konzentrieren, stellt sie die Fundamentalität des Selektionsprinzips insgesamt infrage.

In den Naturwissenschaften folgt man für gewöhnlich dem Paradigma des Reduktionismus, dem zufolge alle Phänomene der Welt auf die grundlegendste Wissenschaft (die Mikrophysik) zurückzuführen sind. Ich möchte eine solche Vorgehensweise nicht kritisieren, denn auch die Systemische Evolutionstheorie argumentiert über weite Strecken reduktionistisch. Im Rahmen ihrer Begründung wird sogar ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die aktuellen Fundamente der Biologie (Gen-Egoismus, Evolutionstheorie) bislang nicht physikalisch, sondern ausschließlich biologisch plausibilisiert wurden. Allerdings sind mittlerweile selbst in der Physik Zweifel am Alleinerklärungsanspruch der reduktionistischen Methode aufgekommen. Beispielsweise gibt Philip W. Anderson in seinem Artikel More Is different. Broken symmetry and the nature of the hierarchical structure of science zu bedenken:

    (…) the reductionist hypothesis does not by any means imply a "constructionist" one: The ability to reduce everything to simple fundamental laws does not imply the ability to start from those laws and reconstruct the universe.

In Edward O. Wilsons Buch Sociobiology wurde eine Rekonstruktion der belebten Welt (inklusive des Menschen mit seinen Gesellschaften und Kulturen) – ausgehend von den fundamentalen Gesetzen und Annahmen der Biologie (unter anderem Gen-Egoismus und Evolutionstheorie) – konkret versucht, was dem Autor den baldigen Vorwurf des Biologismus einbrachte. Dabei war die gewählte Vorgehensweise durchaus naheliegend, denn schließlich eignet sich die Evolutionstheorie aufgrund ihres algorithmischen Charakters bestens zur (Re-)Konstruktion von natürlichen Phänomenen, was im Übrigen einen Großteil ihrer Wirkmächtigkeit und ihres Reizes ausmacht: Sie kann nämlich erklären, wie komplexere biologische Phänomene aus einfacheren entstehen, wie sich über einen längeren Zeithorizont etwas organisiert.

Allerdings fragt es sich, ob das Ansinnen unter den angenommenen biologischen Paradigmen auch Erfolg versprechend war. Genau das darf jedoch bezweifelt werden, und zwar unter anderem aus den folgenden Gründen:

  • Der genetische Code kann nur im Rahmen der Fortpflanzung verändert werden (Weismann-Barriere). Auch kann er nicht gezielt in Teilen vererbt werden (zum Beispiel: besserer Geruchssinn vom Vater, bessere Sehkraft von der Mutter). Anders gesagt: Es existieren keine genetischen Kernkompetenzen. Auf exakt diesen Limitationen der unteren genetischen Ebene beruhen aber die fundamentalen evolutionsbiologischen Grundannahmen und -konzepte (Definition der Fitness über den relativen Fortpflanzungserfolg, Verwandtenselektion, Gen-Egoismus etc.).

  • Vergleichbare Einschränkungen bestehen auf den höheren (kulturellen, gehirnbasierten) Kompetenzebenen nicht mehr, dementsprechend können Evolutionsakteure dort "Kernkompetenzen" entfalten und reproduzieren. Auch können sie ihre Kompetenzen fortwährend verändern und anpassen. Die hierdurch bedingte größere Komplexität der Lebenswirklichkeiten kann dann aber kollektive Verhalten und Verhältnisse entstehen lassen, die mit den Mitteln der unteren – genetischen – Ebenen nicht vorhergesagt werden können (siehe dazu etwa den Abschnitt Demografisch-ökonomisches Paradoxon).

Etwas Ähnliches ist von der Kommunikationstheorie her bekannt. Analysiert man beispielsweise den Datenstrom zwischen zwei benachbarten Rechnern im Internet, wird man auf der untersten Ebene vermutlich eine Menge an Nullen und Einsen, bestimmte Start- und Endsequenzen zum Kennzeichnen der Nutzdaten und Prüfverfahren wie CRC (Cyclic Redundancy Check) oder SHA (Secure Hash Algorithm) vorfinden. Daraus lässt sich jedoch keineswegs das darüber liegende Netzwerkprotokoll, welches unter anderem zusätzlich für eine End-zu-End-Kontrolle von Gesamtnachrichten zwischen entfernten Informationssystemen, für deren Verschlüsselung, für Routing-Informationen und die Aufsplittung von Nachrichten in kleinere und unabhängig voneinander und gegebenenfalls sogar über unterschiedliche Wege zu transportierende kleinere Nachrichtenpakete sorgt, "rekonstruieren", von den darauf aufsetzenden Kommunikationen zwischen eventuell in verschiedenen Erdteilen lebenden Menschen einmal ganz zu schweigen. Man wird das Internet nur verstehen können, wenn man ein Modell aller Kommunikationsebenen besitzt. Und man wird selbst das, was auf der untersten Netzwerkebene abläuft (zum Beispiel die vorgefundenen CRC- und SHA-Prüfungen), nur dann korrekt einordnen können, wenn man weiß, dass auf der obersten Ebene Menschen wichtige vertrauliche Nachrichten austauschen.

Im Buch wird deshalb die These aufgestellt, dass eine allgemeine Evolutionstheorie nicht Bottom-up auf der Grundlage der biologischen Evolutionstheorie entwickelt werden kann, sondern es müssen dabei alle Evolutionsebenen betrachtet werden. Aus diesem Grund werden zentrale evolutionsbiologische Begriffe und Konzepte wie genetischer Code, Gen-Egoismus, Fortpflanzung, Kampf ums Dasein, sexuelle Selektion etc. im Buch zunächst so verallgemeinert und abstrahiert, dass sie sich auch auf höhere Kompetenz- und Evolutionsebenen anwenden lassen. Die Vorgehensweise entspricht durchaus der Methodik, wie in der Mathematik Problemstellungen und Theoreme verallgemeinert werden.

Wissenschaft sollte die uns umgebende Welt jedoch nicht nur elegant und wortreich beschreiben, sondern darin auch konkrete Phänomene erklären und prognostizieren können. Und in diesem Punkt dürfte – trotz ihrer Allgemeinheit und Abstraktheit – das eigentliche Potenzial der Systemischen Evolutionstheorie liegen: Demografisch-ökonomisches Paradoxon, demografischer Wandel, Vorteilhaftigkeit der Getrenntgeschlechtlichkeit, Tragik der Allmende, Theorie der komparativen Kostenvorteile etc. – dies alles steht nicht nur im Einklang mit der Systemischen Evolutionstheorie beziehungsweise kann aus ihr abgeleitet oder vorhergesagt werden, sondern es lassen sich dafür zum Teil auch völlig neuartige Erklärungen finden.

Ich bin davon überzeugt, dass die Menschheit angesichts der sich global verknappenden Ressourcen und dem Erreichen der Grenzen des Wachstums dringend eine Evolutionstheorie benötigt, die auch ihr eigenes Tun mit einschließt und die Entwicklung menschlicher Phänomene, Gesellschaften und Kulturen wenigstens in Grundzügen modellieren kann. Wachstum, Beschleunigung und sich verknappende Ressourcen sind typische Begleiterscheinungen von Evolution, die Verteilung knapper Ressourcen in Populationen und die hierdurch bewirkten unterschiedlichen Reproduktionschancen Kernthemen von Evolutionstheorien, denn schließlich wird Evolution durch das kollektive Erlangen von Ressourcen mittels Kompetenzen und das sich daran anschließende Reproduzieren der Kompetenzen mithilfe der erlangten Ressourcen getriggert. Selbst wenn sich die Systemische Evolutionstheorie für all das einmal als nicht ausreichend tragfähig erweisen sollte, wird man mit Hochdruck an den Themen weiterarbeiten müssen, denn wie sonst wollte man die immer mehr Geschwindigkeit aufnehmenden Entwicklungsprozesse in menschlichen Gesellschaften noch rechtzeitig entschleunigen oder in andere Richtungen lenken können?

Ich danke allen Lesern, die den Text vorab gelesen und kritisch kommentiert haben. Mein ganz besonderer Dank gilt Prof. Dr. Klaus Rohde (UNE, Armidale, Australien), ohne dessen zahlreiche konstruktive und zugleich kritische Anmerkungen das Buch in der Form nicht hätte entstehen und erscheinen können.

Saasen, im Oktober 2012


Peter Mersch


Vorwort von Prof. Dr. Klaus Rohde


(Prof. Dr. Klaus Rohde, Zoology, University of New England, Armidale NSW 2351, Australia; Clarke Medal Winner)

Die Evolutionslehre ist heute generell akzeptiert. Sie kann nur von Obskuranten abgelehnt werden. Dies heißt aber nicht, dass Übereinstimmung über alle der Evolution zugrunde liegenden Mechanismen besteht. Darwin hat einen heute weitgehend akzeptierten Mechanismus für die Evolution biologischer Arten gegeben, die natürliche Auslese: Generell werden mehr Nachkommen produziert, als die in der Umwelt zur Verfügung stehenden Ressourcen unterhalten können; Individuen einer Population unterscheiden sich genetisch und diejenigen überleben oder erzeugen zumindest mehr Nachkommen, die sich im Wettbewerb um die Ressourcen durchsetzen (Kampf ums Dasein). Darwin hat auch die geschlechtliche Auslese begründet, gemäß der Sexualpartner aufgrund bestimmter Merkmale vorgezogen werden. Seit Darwin sind weitere Mechanismen vorgeschlagen worden, so die ebenfalls generell akzeptierte neutrale Selektion, die Selbstorganisation komplexer Systeme durch Stuart Kauffman und andere, und die zentrale Rolle der Evolution symbiotischer Systeme (vor allem Zellen) nicht mittels Wettbewerb, sondern Kooperation durch Lynn Margulis. Sehr umstritten ist die Bedeutung der Gruppenselektion, die unter anderem auch von Konrad Lorenz angenommen wurde (die Auslese fördert den Vorteil der Art manchmal sogar auf Kosten des Individuums). David Sloan Wilson hat den Begriff der "multilevel selection", eine Modifikation der Gruppenselektion eingeführt, ebenfalls sehr umstritten. All diese Mechanismen werden im Allgemeinen auf Organismen angewandt.

Evolution ist jedoch nicht auf biologische Arten begrenzt, wir beobachten, dass auch menschliche Gemeinschaften, Staaten, Wirtschaftssysteme, wissenschaftliche Theorien, Technik usw. evolvieren. Können wir eine Theorie entwickeln, die die Entwicklung (Evolution) auch solcher Systeme einschließt? Es gibt Versuche dies zumindest für einige Systeme zu tun, darunter der Sozialdarwinismus und die Soziobiologie, die jedoch nicht allgemeine Zustimmung gefunden haben. Peter Mersch hat eine generelle Theorie der Evolution entwickelt, die eine Verallgemeinerung des Darwinismus darstellt und auf der allgemeinen Systemtheorie, der Kommunikationstheorie, der Soziobiologie, der Ökonomie und der modernen Demografie basiert. Sie ist "mit der Ontologie des systemischen Materialismus vereinbar". Er nennt diese Theorie die Systemische Evolutionstheorie.

Sie ist nicht nur auf biologische Organismen, sondern auch auf andere evolutionsfähige Einheiten wie Superorganismen (zum Beispiel Staaten, Unternehmen) anwendbar. Mersch meint, dass die Darwinsche Lehre nicht zur Beschreibung der soziokulturellen Evolution benutzt werden kann, und er hat grundsätzliche Einwände gegen die von Richard Dawkins vorgeschlagene Memetik, die eine Fortentwicklung der Darwinschen Evolutionslehre darstellt. Vor allem sind Meme als Analogien zu Genen wie letztere nicht reproduktionsfähig. Der Darwinismus kann auch nicht das demografisch-ökonomische Paradoxon erklären, gemäß dem der Reproduktionserfolg des Menschen nicht positiv, sondern oft negativ mit dem sozialen Erfolg (Erlangung von Ressourcen) korreliert ist.

Die Systemische Evolutionslehre stellt fest, dass nur "Populationen, deren Individuen selbstreproduktive Systeme sind, evolutionsfähig" sind. Gene und auch Meme im Sinne von Dawkins sind nicht reproduktionsfähig und daher auch nicht evolutionsfähig. Evolutionsfähig sind dagegen die biologischen Organismen, die Gene und Meme besitzen. Aus diesem Grunde ist es auch falsch, davon zu sprechen, dass Gene sich selbst reproduzieren wollen ("das egoistische Gen"). Mersch definiert evolutionsfähige Systeme (= Evolutionsakteure) als gegenüber der Umwelt offen (das heißt, im Sinne von Ludwig von Bertalanffy als nicht im Gleichgewicht stehend), die

  1. Kompetenzen zur Erlangung von Ressourcen besitzen,

  2. Kompetenz reproduzieren können, und

  3. Reproduktionsinteressen besitzen, das heißt, die ihre Evolution "aktiv und eigendynamisch" betreiben können.


Die ersten beiden Punkte stimmen mit denen des Darwinismus überein, der letzte Punkt ersetzt die natürliche Auslese Darwins. Wichtig für die Anwendung der Systemischen Evolutionstheorie ist, dass man die Evolution von Systemen nur verstehen kann, wenn man die selbstreproduktiven Einheiten in ihnen nachweisen kann. Kompetenzen müssen nicht genetisch bedingt sein, und die Verteilung der Ressourcen kann durch das Recht des Stärkeren (dominante Kommunikation) und das Recht des Besitzenden (Gefallen-wollen-Kommunikation) erfolgen, das letztere wichtig in der geschlechtlichen Selektion und als Grundlage der Bildung von Märkten und der Zivilisation.

Etwas anders formuliert kann man sagen, dass die Evolutionsprinzipien der Systemischen Evolutionslehre die folgenden sind:

  1. Variation (selbstreproduktive Individuen mit unterschiedlichen Kompetenzen),

  2. Reproduktionsinteresse (Individuen mit möglicherweise unterschiedlichen Reproduktionsinteressen, was zur Konkurrenz um Ressourcen mittels des Rechts des Stärkeren (dominante Kommunikation) und/oder Rechts des Besitzenden (Gefallen-wollen-Kommunikation) führt, und

  3. Reproduktion (variationserhaltende Reproduktionsprozesse).


Prinzipien 1 und 3 sind Verallgemeinerungen der Evolutionstheorie Darwins, Prinzip 2 ersetzt die verschiedenen Selektionsprinzipien Darwins.

Die Systemische Evolutionstheorie betont, dass die die Evolution vorantreibenden Einheiten eigendynamische Evolutionsakteure im Gegensatz zu rein passiv selektierten Einheiten sind, sie unterscheidet sich vom Darwinismus darin, dass sie nicht davon ausgeht, dass sich Individuen (oder Gene) einer Population generell möglichst oft reproduzieren wollen, sondern dass sie unterschiedliche Reproduktionsinteressen besitzen können (wie zum Beispiel verschiedene Kasten von sozialen Insekten). Sie unterscheidet sich von der Soziobiologie, die annimmt, dass individuelle Reproduktionsinteressen das soziale Verhalten bestimmen, darin, dass die soziale Organisation die individuellen Reproduktionsinteressen nicht notwendigerweise auf genetische Art bestimmt. Die darwinsche Erklärung ist ein Sonderfall der Systemischen Evolutionstheorie für Populationen, deren Individuen alle ähnliche Reproduktionsinteressen besitzen. – Generell behauptet die Systemische Evolutionstheorie, dass "der unterschiedliche Erfolg der Evolutionsakteure bei der Reproduktion ihrer Kompetenzen (Informationen)" die Evolution bedingt.

Ein Blick auf die Entwicklung der Technik zeigt, dass der Nachweis von Selbstreproduktion entscheidend ist. In der Technik sind nicht die technischen Geräte, sondern die sie herstellenden Unternehmen die selbstreproduktiven und daher evolutionsfähigen Einheiten; Maschinen sind nur die Kompetenzen solcher Unternehmen. Ressourcen zur Finanzierung des Kompetenzerhaltens sind Geld, um die verschiedene Konkurrenten im Markt, ihrem Lebensraum, konkurrieren. Man kann demnach auch sagen, dass die Entwicklung (Evolution) der Technik ein "Nebeneffekt" der eigentlichen Evolution der evolutionsfähigen Markt-Anbieter (Unternehmen) ist. Ähnlich könnte man sagen, dass nicht die Art des Handels mit Aktien, sondern die Geldinstitute, in denen der Handel stattfindet, die evolutionsfähigen Akteure sind.

Von besonderer Bedeutung ist die Ablehnung des Sozialdarwinismus durch die Systemische Evolutionstheorie. Der Sozialdarwinismus behauptet, dass das in der Natur allgemein geltende Recht des Stärkeren auch in der menschlichen Zivilisation gilt: der Stärkere (Individuum, Klasse, Staat) hat immer recht. Wie aber oben gezeigt, sind in sozial organisierten Gemeinschaften, wie die des Menschen, die Reproduktionsinteressen der Individuen nicht identisch, das heißt, verschiedene Individuen stehen nicht unbedingt im maximalen Wettbewerb um Ressourcen, und das Recht des Besitzenden (Gefallen-wollen-Kommunikation) hat das Recht des Stärkeren (dominante Kommunikation) weitgehend ersetzt.

Wir fragen uns, in welcher Hinsicht die Systemische Evolutionstheorie einen Fortschritt gegenüber dem Darwinismus darstellt. Kann sie biologische Evolution und darüber hinaus die Evolution von höheren Systemen wie Staaten, Kulturen, der Technik und Wirtschaftssystemen erklären? Mir scheint, dass die Systemische Evolutionstheorie vor allem neues Licht auf die Evolution menschlicher Kulturen im weitesten Sinne, inklusive der Technik und staatlicher Organisation werfen kann, und eingehende kritische Berücksichtigung verdient. Ihre Terminologie ist klar und leicht verständlich, was vor allem auch für die Diskussion des Sozialdarwinismus wichtig ist. Es ist ja eindeutig, dass nicht alles in der lebenden Welt durch den "Kampf ums Dasein" bestimmt ist. Selbst der Mensch könnte nicht existieren, wenn alle seine Komponenten (Zellen usw.) nur zu ihrem eigenen Wohl selektiert wurden, sondern sie "kooperieren".

Eine Prüfung der Systemischen Evolutionstheorie muss allerdings kritisch sein. Mersch behauptet, dass der Darwinismus das demografisch-ökonomische Paradoxon nicht erklären kann. Es ist jedoch zumindest theoretisch möglich, das Paradoxon als Exzessivbildung zu erklären: Überentwicklung des Gehirns und damit verbundener unerwünschter Folgen, wie die Unlust Kinder zu kriegen. Es gibt viele Beispiele fossiler Degenerationsserien (Exzessivbildungen) in der Evolutionsgeschichte, die durch einseitige darwinsche Selektion erklärt werden können: Exzessive Eigenschaften hatten Konkurrenzvorteile aber führten schließlich zum Aussterben. Selbst Eigenschaften biologischer Superorganismen, deren Ursachen bis heute noch nicht eindeutig geklärt sind, werden sich in der Zukunft durch eingehendere Untersuchungen vielleicht aufgrund schon bekannter Mechanismen erklären lassen, so zum Beispiel die soziale Organisation von Honigbienenstaaten. Dennoch wirft die Systemische Evolutionstheorie Licht darauf, wie solche Superorganismen organisiert sein müssen. In anderen Worten, es besteht kein Widerspruch zwischen der "reduktionistischen" Naturwissenschaft und der systemischen Theorie. Vielmehr ergänzen sich beide.

Die Annahme von die Evolution vorantreibenden eigendynamischen Evolutionsakteuren im Gegensatz zu rein passiv selektierten Einheiten steht im Einklang mit neueren theoretischen Erkenntnissen, die die Selbstorganisation komplexer Systeme für einen wesentlichen Evolutionsfaktor halten.

Ich empfehle das Buch vor allem Politikern, Politologen, Soziologen, Wirtschafts- und Kulturwissenschaftlern, die sich mit Fragen der Struktur und Entwicklung menschlicher Gemeinschaften (Staaten) befassen; aber auch Biologen könnten Anregungen für ihre Untersuchungen gewinnen.


Stimmen


Prof. Dr. Jochen Oehler
(Neuro- und Verhaltensbiologe)

Das Darwinsche Evolutionsparadigma hat mit seinem hohen Erklärungspotenzial auch für die Ausformung unseres heutigen Menschenbildes teils nicht nur ansatzweise viel beigetragen, wenngleich immer wieder zu bemängeln ist, dass die interdisziplinäre Wirksamkeit aus verschiedenen Gründen unzureichend geblieben ist. Eine Reihe von interessanten Ansätzen vonseiten der Molekularbiologie, der Verhaltens- und Soziobiologie einschließlich der Memtheorie haben für bestimmte Bereiche das evolutionäre Erklärungspotenzial zwar erweitert, aber noch nicht zu der erhofften übergeordneten neuen Theorie geführt.

Peter Mersch legt nun als Systemtheoretiker mit seiner Systemischen Evolutionstheorie einen umfassenden, vor allem übergeordneten Ansatz vor, der höchste Beachtung verdient. Er berücksichtigt alle vorgenannten Ansätze, demonstriert ihre Vorteile und Grenzen ihres Erklärungspotenzials und ihrer Aussagefähigkeiten und setzt sein systemtheoretisches Herangehen darüber, sodass in beindruckender Weise ein theoretisches Gebäude entsteht, was über den biologischen Bereich hinaus eine Fülle von Erklärungen und prognostischen Ansätzen enthält, die für den kulturellen menschlichen Daseinsbereich mit seinen komplexen sozialen, soziologischen, ökonomischen und politischen Dimensionen von wesentlicher Bedeutung werden kann. Wenngleich er dabei mitunter ein hohes Abstraktionsniveau erreicht, werden aber damit so manche festgefahrene Grundprinzipien wie das Selektionsprinzip nicht abgelehnt, aber doch für generelle Evolutionsverläufe als "nicht nur" dargestellt. Wenngleich in der Biologie unterschwellig verschiedentlich auch darüber diskutiert wird, wie zum Beispiel mit den Begriffen einer inneren und äußeren Selektion, zeigt Mersch durch seine übergeordnete systemische Betrachtungsweise einen höchst interessanten Zusammenhang von Phänomenen, der sich aus nur biologischer Sicht schwerlich erklären lässt. Evolutionsakteure sind eben nicht per se Konkurrenten, sondern können aufgrund neu entstehender Kompetenzen eine neue Systemebene und damit Funktionsebene als Kooperanten, Partnern oder auch Feinden werden. Damit ist sofort die Anwendung auf die aktuelle Situation der Menschheit mit ihren globalen Problemen der Ressourcennutzung in einem friedlichen Miteinander verbunden.

Der leider viel zu früh verstorbene Gerhard Neuweiler hat einmal geschrieben: Im Menschen emanzipiert sich die Evolution, denn er ist das einzige Lebewesen, das die Werkzeuge der natürlichen Evolution in die Hände nehmen und ihr eine eigene, humane Welt entgegensetzen kann. Beim richtigen Verstehen vor allem durch die verschiedensten anthropologischen, geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen und schließlich politischen Ebenen kann Peter Merschs Systemische Evolutionstheorie einen wichtigen Beitrag leisten. Ihr ist daher schnelle Verbreitung zu wünschen.

Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher
(Mathematiker/Informatiker; Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung/n (FAW/n) in Ulm; Mitglied des Club of Rome)

Dies ist ein großartiges Werk. Es ist eine umfassende Darstellung des Gedankens der Evolution unter Einschluss allgemeiner Superorganismen, damit auch von Unternehmen, Staaten und der ganzen Menschheit, was mir thematisch immer schon ein besonderes Anliegen war und ist. Interessant ist insbesondere die Möglichkeit der Veränderung von Zielvorstellungen von Akteuren, in der Wechselwirkung der verschiedenen Ebenen, also beispielsweise das möglicherweise stärkere Interesse eines Menschen an der Beeinflussung des Denkens vieler anderer Menschen im Vergleich zur eigenen biologischen Reproduktion und Konzentration auf die eigenen Nachkommen.

Es ist ein großartiges Werk. Ich bin froh, dass ich es vorab lesen konnte.

Prof. Dr. Jürgen Tautz
(Biologe; BEEgroup Biozentrum Universität Würzburg; Communicatorpreisträger 2012)

Unter den Büchern, die sich mit dem Prozess und den Resultaten von Evolution befassen, ist dieses Buch für mich eines der originellsten seit Langem. Wie hier gezeigt, gelingt es, die Darwinsche Basis der Vorstellung von Evolution, die ja auch den Kern jeder Weiterentwicklung entsprechender Gedankengänge in der modernen Biologie bildet, gewinnbringend weiterzuführen und über viele sehr unterschiedliche Disziplinen hinweg zu verallgemeinern, wenn man seinen Blick weitet und möglichst unterschiedliche dynamische Systeme in die Analyse einbezieht. Das Werk bietet auch durch seine zum Teil überraschenden Blickwinkel und Verknüpfungen ein spannendes und sehr anregendes interdisziplinäres Gedankengebäude, dessen Erarbeitung für den Leser aller Mühe lohnt. Die Einbeziehung der soziokulturellen Evolution des Menschen gibt den anspruchsvollen theoretischen Überlegungen eine zusätzliche besondere Bedeutung.

Prof. Dr. Dr. Gerhard Vollmer
(Physiker und Philosoph; Mitbegründer der Evolutionären Erkenntnistheorie)

Der Evolutionsgedanke ist uralt. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts begann er sich durchzusetzen: in der Kosmologie mit Kant, in der Geologie mit Buffon, in der Biologie mit Lamarck, in der Sprachwissenschaft mit Bopp, Rask und Grimm. Inzwischen hat der Evolutionsgedanke seine Fruchtbarkeit auch in weiteren Disziplinen bewiesen. Wir sind deshalb bereit, von universeller Evolution zu sprechen. In einigen Fällen konnte dieser Gedanke zu einer handfesten Theorie ausgebaut werden. Für die Biologie verdanken wir eine solche Theorie, die wir auch heute noch weitgehend akzeptieren, Charles Darwin. Allerdings hat diese Theorie inzwischen viele Ergänzungen erfahren und hat auch noch mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, auch mit solchen, die mit der grundsätzlichen Ablehnung von Evolution durch Fundamentalisten nichts zu tun haben.

Die Frage liegt nahe, ob die evolutionären Theorien der verschiedenen Gebiete etwas gemeinsam haben, ob es vielleicht sogar eine übergreifende Theorie gibt, die alle oder wenigstens viele evolutive Prozesse umfasst. Die meisten dieser Versuche begnügen sich mit dem Vergleich zweier Evolutionsarten oder -klassen (und damit zweier wissenschaftlicher Disziplinen oder Theorien) und arbeiten Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus. Andere suchen zwar eine allgemeine Theorie, begnügen sich dann aber doch mit zwei oder drei Evolutionsfaktoren, etwa Reproduktion, blinde Variation, Selektion nach Kriterien. Eine allgemeine Evolutionstheorie, die diesen Namen wirklich verdient, gab es bisher nicht.

Peter Mersch legt eine solche Theorie vor. Er arbeitet dabei nicht so, dass er die Grundbegriffe und Grundsätze der biologischen Theorie hernimmt und schrittweise verallgemeinert. Vielmehr betrachtet er alle Ebenen, auf denen Systeme sich reproduzieren, gleichzeitig und sucht die universellen Muster, die für alle diese Ebenen gelten. So ist es zu erklären, dass Darwins Prinzip der natürlichen Auslese von ihm nicht als Grundprinzip gefordert wird, sondern sich als Folgerung aus allgemeineren Gesetzmäßigkeiten ergibt. Die drei Grundprinzipien bei Mersch lassen sich durch die Stichworte Variation, Reproduktionsinteresse und Reproduktion kennzeichnen. Mit großer Umsicht, wenn auch in eigenwilliger Terminologie, in die man sich hineindenken muss, formuliert er die Prinzipien seiner Systemischen Evolutionstheorie und belegt ihre Anwendbarkeit auf verschiedenen Systemebenen. Es ist geradezu verblüffend, wie sich dabei nichtbiologische Systeme in seine Begrifflichkeit und in seine Prinzipien einpassen. Auch die Unterschiede zur Darwinschen Evolutionstheorie werden deutlich. Einige Probleme dieser Theorie lassen sich dabei elegant darstellen, teilweise auch lösen, Phänomene des Altruismus etwa oder das demografische Paradoxon, dass Gebildete bei uns in der Regel weniger Nachkommen haben als "einfache" Leute.

Der Fortschritt in der Wissenschaft lebt von neuen Ideen. Peter Mersch hat neue Ideen. Diesem Buch ist eine weite Verbreitung und eine gründliche Auseinandersetzung zu wünschen.



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