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Mersch Online AGPublikationenBücher von Peter MerschVorwort Evolution, Zivilisation und Verschwendung
Sonntag, 25. Juni 2017

Evolution, Zivilisation und Verschwendung.

 


Vorwort Evolution, Zivilisation und Verschwendung (ohne Fußnoten)


Ausgangspunkt des vorliegenden Buches waren Fragen wie: Was treibt die technische Evolution an? Wie entsteht eigentlich Fortschritt?

In der Biologie nimmt man allgemein an, vergleichbare Fragestellungen für den eigenen Wissenschaftsbereich längst geklärt zu haben: Es sei das Prinzip der natürlichen Auslese, welches die Evolution des Lebens und die Vielfalt der Arten bewirke: Besser an ihren Lebensraum angepasste Individuen hinterlassen durchschnittlich mehr Nachkommen als weniger gut angepasste.

Doch selbst Charles Darwin kamen bereits erste Zweifel: Wie konnten unter den Bedingungen der natürlichen Selektion etwa Pfauenmännchen entstehen, deren riesige gefiederte Schweife einer optimalen Adaption an ihren Lebensraum eher im Wege stehen?

Seine Antwort war verblüffend: Es sei die sexuelle Selektion, die Auswahl der geeignetsten oder vielleicht auch nur "genehmsten" Männchen durch die Weibchen, die all dies bewirke.

Mit der sexuellen Selektion gelang der Natur eine ganz entscheidende Innovation, die die Grundlage vieler späterer Entwicklungen war: die Einführung der marktmäßigen und herrschaftsfreien "Gefallen-wollen-Kommunikation". Sie dürfte maßgeblich verantwortlich sein für eine beschleunigte Evolution, für die Entstehung unserer großen Gehirne und unserer Zivilisation, aber eben auch für eine ungeheure Verschwendung. Und sie stand Modell für unsere modernen Märkte, die so ungeheuerliche Dinge wie Mobiltelefone mit integrierten Videokameras, Rundfunkempfängern und MP3-Playern hervorgebracht haben.

Doch all das erklärt noch nicht, warum sich etwas in die eine oder andere Richtung oder überhaupt entwickelt. Ist es vielleicht doch die "unsichtbare Hand", die Adam Smith hinter all dem sah?

Das vorliegende Buch zeigt, dass dessen Vorstellung so falsch nicht war. Es erklärt nämlich die biologische, kulturelle, soziale, wissenschaftliche und technische Evolution einheitlich aus einigen wenigen, unter dem Namen "Systemische Evolutionstheorie" zusammengefassten Prinzipien heraus, die in erster Linie auf Systemeigenschaften, namentlich den Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen von Individuen, beruhen. Damit trennt es sich gleichzeitig auch von der in der Biologie aktuell vorherrschenden Vorstellung, Individuen handelten vorrangig im Eigeninteresse ihrer Gene, die möglichst lange fortbestehen wollten. Stattdessen stellt es das grundlegende Bestreben von Individuen, sich selbsterhalten und reproduzieren zu wollen, in den Vordergrund.

Ein Selbsterhalt hat unter anderem auch immer die Erhaltung von Kompetenzen im Umgang mit der primären selektiven Umwelt zum Gegenstand. Solche Kompetenzen beziehungsweise Adaptionen sind aber zu jedem Zeitpunkt stets nur relativ in Bezug auf die Fertigkeiten und Fähigkeiten aller anderen Individuen der gleichen Population, weswegen sie permanent erneuert und gegebenenfalls sogar verbessert werden müssen, wollen sie sich nicht sukzessive selbst entwerten.

Daraus ergeben sich einige überraschende Konsequenzen:

  • Beim Prinzip der natürlichen Auslese handelt es sich um kein Basisprinzip des Lebens, sondern um das Ergebnis der Wirkungen grundlegenderer Evolutionsprinzipien, die auf Interessen beruhen.

    Anders gesagt: Biologische Populationen evolvieren nicht, weil besser an den Lebensraum angepasste Individuen im Mittel mehr Nachkommen hinterlassen als andere, sondern weil Lebewesen leben und überleben wollen. Evolution wird somit nicht durch den 'Kampf ums Dasein' oder das 'Überleben der Tauglichsten', sondern durch die jeweiligen Eigeninteressen von Individuen vorangetrieben.
  • Die Natur selektiert nicht.
  • Nur selbsterhaltende, selbstreproduktive Systeme können eigendynamisch evolvieren beziehungsweise "Gegenstand der Selektion" sein. Gene, Meme, Entscheidungen, Handlungen, Praktiken etc. scheiden dafür aus. Die biologische Evolution wird folglich auch nicht durch egoistische Gene (Dawkins 2007) vorangetrieben.
  • Bei Unternehmen handelt es sich um Organisationssysteme, die sich fortlaufend um ihren Selbsterhalt bemühen und deshalb auf kompetitiven Märkten dazu gezwungen sind, ihre Adaptionen beziehungsweise Kompetenzen – Produkte und Dienstleistungen – ständig zu aktualisieren, sich also selbst zu reproduzieren. Dies bewirkt dann die "Evolution" der Technik. Anders gesagt: Nicht die Technik evolviert, sondern die Organisationen, die sie herstellen. Die Evolution der Technik ist nur ein Aspekt der ihr unterliegenden Evolution der Organisationssysteme.
  • Soziale Systeme wie Gesellschaften oder Organisationssysteme beinhalten stets auch selbsterhaltende Systeme (Menschen und andere Akteure), die sich mit eigenen Intentionen (Interessen) und Kompetenzen in das Gesamtsystem einbringen. Sie bestehen folglich nicht nur aus Kommunikation. Wesentliche Grundannahmen der Luhmannschen Systemtheorie dürften deshalb nicht zu halten sein.
  • In modernen menschlichen Gesellschaften, deren Mitglieder allgemein über leistungsfähige und sichere Methoden der Familienplanung verfügen, entwickelt sich das Reproduktionsinteresse von Individuen zu einer ökonomisch abschätzbaren Größe: es ist dann nicht länger nur "natürlich" vorhanden. Unter der Rahmenbedingung der Gleichberechtigung der Geschlechter ist es im Mittel sogar umso niedriger, je höher die Kompetenzen und beruflichen Beanspruchungen der betroffenen Personen sind. Dies gilt in zunehmendem Maße für Frauen wie Männer, da in solchen Gesellschaften üblicherweise eine Angleichung der Lebensentwürfe beider Geschlechter – bei gleichzeitiger paritätischer Aufteilung eventueller Familienarbeiten – angestrebt wird. Es bildet sich dann aber ein für Menschen unlösbarer Konflikt heraus: Mit zunehmender Kinderzahl steigen die Ausgaben für die Familie, während gleichzeitig ihre Einkünfte sinken.

    Die Konsequenz daraus ist: Moderne menschliche Gesellschaften reproduzieren sich nicht mehr gemäß den Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie. Damit erklärt sich dann auch das Central Theoretical Problem of Human Sociobiology (Vining 1986).

Wie im Laufe der weiteren Ausführungen gezeigt wird, beruht der Prozess der Zivilisation maßgeblich auf einer zunehmenden Durchsetzung der Gefallen-wollen-Kommunikation gegenüber eher dominanten Kommunikationsweisen. Diese Entwicklung ging Hand in Hand einher mit Ausdifferenzierungs- und Individualisierungsprozessen, aber auch mit einer Wandlung des Trieb- und Affekthaushaltes auf Seiten der Individuen. Gleichzeitig war sie Voraussetzung für das Entstehen großer Organisationen (Organisationssysteme), deren plötzliches massenhaftes Auftreten ein entscheidendes Merkmal der Moderne sein dürfte.

Bei Organisationssystemen handelt es sich um neuartige biologische Phänomene einer bislang unbekannten Größenordnung, die sowohl eigene Identitäten als auch eigenständige Selbsterhaltungsinteressen besitzen. Während die biologische Evolution die Ein- und Mehrzeller (Organismen) hervorgebracht hat, sind die kulturelle, soziale, wissenschaftliche und technische Evolution primär das Ergebnis evolutiver Entwicklungen auf der nächst höheren Systemebene, den Organisationssystemen. Im Prinzip könnten diese als eine neue Form des Lebens aufgefasst werden.

Ihr Energie- und Kapitalbedarf übertrifft alles bislang Dagewesene. Konnten sie anfangs noch auf Territorialstaaten eingegrenzt und damit zum Teil auch kontrolliert werden, so haben sie diese Beschränkungen längst hinter sich gelassen und sich teilweise über die ganze Welt ausgebreitet. Wenn man fragen würde, was Globalisierung eigentlich genau ist, dann müsste man wohl sagen: Es ist der Prozess des Anwachsens von Organisationssystemen zu globaler Größe, bei dem die Nationalstaaten gleichzeitig zu Lieferanten degradiert werden. Oft erhalten die betroffenen Länder noch nicht einmal mehr ausreichende Gelegenheit, ihr Humanvermögen zu bewahren. Wenn dieses dann schließlich erschöpft ist, was für Europa in den nächsten 30 bis 50 Jahren zu erwarten ist, dann werden die Organisationen zur nächsten Lokation weiterwandern, denn anders als Territorialstaaten sind sie nicht an Regionen und Bevölkerungen gebunden.

Die primäre selektive Umwelt solcher Organisationssysteme sind vor allem die Märkte, die aber allesamt auf der verschwenderischen Gefallen-wollen-Kommunikation basieren. Die Ursache der globalen Erwärmung dürfte folglich auch eher hier zu suchen sein, denn gegenüber diesen Giganten sind Menschen praktisch ohne Bedeutung, auch und gerade was den Ressourcenverbrauch angeht. Es stellt sich die Frage, ob es der Menschheit jemals noch gelingen wird, diese Superorganismen, in denen einzelne Menschen nur noch vertraglich temporär gebundene, jederzeit austauschbare Zellen sind, in ihre Schranken zu weisen.

Wenn man so will, dann erklärt das vorliegende Buch die Welt, nämlich wie einige wenige gemeinsame Evolutionsprinzipien aus der auf die Erde einströmenden Sonnenenergie und ersten Lebensformen zunächst Pflanzen, fleischfressende Dinosaurier und Löwen, dann zivilisierte Menschen, Autos, das Internet, Mobiltelefone, Organisationen wie die Deutsche Bank, General Electric oder Microsoft und schließlich eine gewaltige Verschwendung und Umweltzerstörung entstehen ließen.

Im Grunde liegt in den dargelegten Resultaten eine weitere Kränkung der Menschheit. Obwohl man seit Darwin weiß, dass der Mensch evolutionär aus dem Tierreich hervorgegangen ist, wird ihm noch immer eine absolute Sonderstellung unter den Lebewesen eingeräumt. So meint man denn etwa, es gäbe auf der einen Seite die Natur, und daneben all das, was der Mensch aus sich selbst heraus geschaffen hat.

Dem ist aber wohl nicht so. Stattdessen scheint der gleiche Evolutionsmechanismus, der aus Bakterien irgendwann hat Menschen werden lassen, nun die moderne Welt und damit auch das vorliegende Buch hervorgebracht zu haben.

Frankfurt, im April 2008

Peter Mersch



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